Stoa#14: Halt und Orientierung im Alltag – Stoizismus als Selbsthilfe am Beispiel der Angst

Ziel sei es, sein eigener Therapeut zu werden, sagen mir Psychotherapeutinnen und -therapeuten immer wieder, denn eine Heilung von der Depression gibt es für mich nicht. Deshalb wäre ein System, das mir im Denken und Handlung Halt und Orientierung gibt, sehr hilfreich. Ob Stoizismus das leisten kann, wollen wir am Beispiel der Angst untersuchen.

 

Drei Prinzipien des Stoizismus

 

Das stoische Denken beruht auf drei einfachen Prinzipien – die Naturwissenschaften, die Dichotomie der Kontrolle und die vier Kardinaltugenden. Mit Naturwissenschaften ist gemeint, natürliche Phänomene wie Angst zu verstehen, um besser damit umgehen zu können, die Dichotomie der Kontrolle ist ein rationales Werkzeug und die vier Kardinaltugenden geben uns eine Art Leitfaden für unser Handeln.

 

Was ist Angst?

 

Die Stoiker*innen betrachten Emotionen als natürliche Reaktion des Menschen auf Ereignisse. Gleichzeitig besitzen wir die Vernunft, um die natürliche Reaktion wie Angst rational zu werten. Das heißt, dass die Amygdala für die Angst zuständig ist und schneller, aber ungenauer reagiert als die Ratio. Diese befindet sich im Frontalkortex, reagiert langsamer, aber genauer. Ich bekomme zum Beispiel Angst, wenn für mich gefühlt zu viele Menschen mit mir in einem Raum sind wie bei einem Konzert. Meine Sinne nehmen das Ereignis wahr. Das heißt, ich sehe, dass die Menschen immer näherkommen, ich rieche ihren Schweiß, Zigarettenqualm, Bier, Dope. Ich höre Gesprächsfetzen und spüre über die Haut die Nähe der Menschen. Die Amygdala löst den Impuls der Angst aus, der meine Sinne schärft und mich in Handlungsbereitschaft versetzt, um auf eine mögliche Gefahr zu reagieren. In dieser Situation sehe ich mich nach einem möglichen Fluchtweg um, fühle mich weiter beengt und die Panik steigt in mir auf. Im schlimmsten Fall meldet sich der Reizdarm. So brachte ich den Anfang der ersten drei Auftritte, die ich von Heaven Shall Burn sah, auf dem Klo. Was ist also zu tun? Ich möchte auf zwei Arten der Angst eingehen – die Angst aus der Situation heraus und die Angst vor der Angst.

 

Angst aus der Situation heraus

 

Marcus Aurelius beschreibt bereits die Angst als Impuls: „Zu dem, was dich ein erster scharfer Blick gelehrt, füge weiter nichts hinzu … Du siehst, dein Kind ist krank. Nun gut. Aber daß es in Gefahr schwebe, das siehst du nicht“ (8.49). Marcus trennt also das Ereignis (krankes Kind) mit der Wahrnehmung einer möglichen Gefahr und dem Impuls des ersten scharfen Blickes, wie er es nennt. Die Gefahr, ein Kind an eine Krankheit zu verlieren, war zu Marcus Zeiten noch viel höher als heute, denn nicht einmal die Hälfte seiner dreizehn Kinder überlebte ihn. Dabei war er Kaiser des Römischen Imperiums und die Lebensbedingungen und die ärztliche Versorgung waren am Hofe weit besser als bei der einfachen Bevölkerung. Dennoch erinnert er sich selbst daran, die mögliche Gefahr wahrzunehmen, sie nicht durch die Möglichkeit des Verlustes zu bewerten und gelassen zu bleiben.

 

„Und lasse es immer bei dem ersten bewenden, und füge nichts aus deinem Innern hinzu, so wird dir auch nichts geschehen“, schreibt Marcus weiter. Mit „füge nichts aus deinem Innern hinzu“ meint er eine subjektive Bewertung, die durch Erfahrung, Persönlichkeit usw. geprägt und damit individuell verschieden ist. Die subjektive Bewertung kann demnach die mögliche Gefahr über- oder unterschätzen. Tritt genau das ein, rät Marcus folgendes: „Hast du aber dennoch deine weiteren Gedanken dabei, so beweise dich hierin gerade als ein Mensch, der, was im Leben zu geschehen pflegt, durchschaut hat“ (8.49). Die moderne Stoikerin Brittany Polat rät, sich ein positives Mantra für Angstsituationen zuzulegen wie: „Einige Dinge kontrolliere ich, andere nicht.“ Ein weiterer Vorschlag ist, sich ein Vorbild zu suchen wie eben Brittany Polat, die eine pathologische Angst um ihre Kinder entwickelt hatte und diese Angst mit dem Stoizismus besiegte.

 

Die Angst vor der Angst

 

Neben der Angst, die durch ein Ergebnis im Jetzt ausgelöst wird, gibt es die Angst vor der Angst. Das heißt, dass bereits vor einem Ereignis wie einer Prüfung, einem Vorstellungsgespräch oder einem Zahnarztbesuch sich Ängste im Vorfeld bis zur Panik steigern können. Epiktet führt ein banal klingendes Beispiel eines Schwimmbad-Besuchs an, denn er hat Angst vor dem Verhalten der Menschen an einem solchen Ort und dass es ihn aus der Fassung bringen könne.

 

Was mir bei der Angst vor der Angst durch den Kopf geht, ist die Frage: „Was kann alles passieren?“ Die Vorstellung aller möglichen Szenarien, die schief gehen können, führt über subjektive Bewertung der vorgestellten Szenarien in Summe zu gesteigerter Angst. Für mein Beispiel des Konzertes hieße das: Im Club könnte eine Panik ausbrechen wegen eines Feuers, weil die Lichtanlagen oder Lautsprecher von der Decke stürzen. Der Veranstalter hat mehr Tickets verkauft und Gästelistenplätze vergeben als der Club fassen kann und ich werde durch die reine Kraft der Masse zerdrückt … Zumindest gehen mir solche Gedanken durch den Kopf und der Reizdarm meldet sich. Handelt es sich auch noch um eine Band, auf die ich mich so sehr freue, dass die Aufregung der Vorfreude auch noch dazukommt, gibt es kein Halten mehr. Deshalb verbrachte ich den Anfang meiner ersten drei Heaven-Shall-Burn-Konzerte auf dem Klo.

 

Epiktet schlägt deshalb vor, sich den schlimmsten Fall vorzustellen und sich zu überlegen, wie wir darauf reagieren können. Aus der Frage „Was kann alles passieren?“ wird „Was ist das Schlimmste, das passieren kann?“ Damit fokussieren wir unsere Gedanken von allen Fällen auf einen Fall – den schlimmsten. Damit wirken wir der Angst vor der Angst entgegen, denn sollte tatsächlich etwas schief gehen, wissen wir, es könnte schlimmer sein. Und wenn der schlimmste Fall tatsächlich eintritt, sind wir vorbereitet. In der Antike nannten die Stoiker die Technik praemeditatio malorum (lat.: Vorherbedenken des Schlimmen) und heute nennen es moderne, amerikanische Stoiker Negative Visualization (negative Veranschaulichung).

 

Bei der Prüfung ist der schlimmste anzunehmende Fall, dass alles Wissen aus dem Kopf verschwunden ist. Dann nehmen wir uns kurz Zeit, schließen die Augen und atmen dreimal tief ein und aus. Wir können uns auch ein positives Mantra passend zum Prüfungsthema zulegen, das wir in Gedanken aufsagen können und uns den Zugang zum Thema verschaffen. Fällt uns dann immer noch nichts ein, fallen wir durch und erkundigen uns nach dem Wiederholungstermin. Der schlimmste Fall im Vorstellungsgespräch ist, dass ich mich bei der Selbstvorstellung blamiere und die Stelle nicht bekomme. Dann nehme ich aus der Erfahrung so viel wie möglich mit, damit ich mich auf das nächste Gespräch besser vorbereiten kann. Und im Konzert? Wenn ich merke, dass die Angst kommt, sehe ich mich um und unterziehe den Impuls einem Realitäts-Check. Bewerte ich die Situation über? Wie verhalten sich die anderen? Und ich kann mit den Umstehenden ins Gespräch kommen, mich damit ablenken und später die Situation neu bewerten … oder das Klo aufsuchen.

 

Die Dichotomie der Kontrolle

 

Das vielleicht interessanteste Instrument des Stoizismus ist die Dichotomie der Kontrolle, die auf Epiktet zurückgeht. „Über das eine gebieten wir, über das andere nicht“, sagt er. „Wir gebieten über unser Begreifen, unsern Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden, und, mit einem Wort, über alles, was von uns ausgeht; nicht gebieten wir über unsern Körper, unsern Besitz, unser Ansehen, unsere Machtstellung, und, mit einem Wort, über alles, was nicht von uns ausgeht“ (Handbuch 1). Der für den Umgang mit der Angst wichtigere Teil ist wohl der, über den wir nicht gebieten, denn wenn wir das verstehen, fällt sehr viel weg, vor dem wir keine Angst mehr haben brauchen.

 

Worüber wir nicht gebieten

 

Wir gebieten nicht über unseren Körper, weil beispielsweise das Wachsen unserer Haare und die Zellteilung ohne unseren Willen passieren. Könnten wir das, wäre das Leben für Krebspatienten und Menschen mit Haarausfall viel einfacher. Wir können zum Beispiel trainieren, um das Bäuchlein wegzubekommen, aber wir haben keinen Einfluss darauf, ob unser Körper das Fett zuerst am Po, an der Brust oder tatsächlich am Bauch abbaut. Wenn wir krank werden, können wir nicht einfach entscheiden wieder gesund zu sein. Es liegt in der Hand unseres Körpers ob und wann wir wieder gesunden. Wir gebieten über unseren Antrieb, unseren Körper gegen äußere Einflüsse widerstandsfähiger zu machen; aber wir gebieten nicht darüber, wie er auf welche äußeren Einflüsse reagiert.

 

Über unseren Besitz gebieten wir nicht, weil er kaputt gehen kann oder er wird uns gestohlen. Allein in den vergangenen einhundert Jahren gab es zahlreiche Ereignisse, die Vermögenswerte vernichteten wie Börsencrashs und politische Umwälzungen wie das Ende der DDR. Deshalb gebieten wir nicht über unseren Besitz und sollten ihn als Leihgabe betrachten, welchen wir zurückgeben, wenn er weg ist oder wir sterben.

 

Wir haben Angst davor, angelehnt oder nicht gemocht zu werden. Aber wir gebieten nicht über unser Ansehen. Die Menschen entscheiden, ob sie uns mögen oder nicht. Wir können wollen, dass uns eine bestimmte Person liebt und ihr gegenüber die beste Version unserer selbst sein, aber das garantiert nicht, dass sie sich in uns verliebt. Deshalb brauchen wir keine Angst davor haben, von anderen nicht gemocht zu werden. Ob uns jemand mag oder nicht mag, liegt nicht in unserer Hand.

 

Worüber wir gebieten

 

Worüber wir nach Epiktet gebieten, ist alles, was von uns ausgeht. Wir können die Angst verstehen lernen und uns ihr stellen. Wir können uns motivieren, zu trainieren und gesund leben. Wir können dem schnellen Glück im Zuviel von Süßspeisen und Konsum widerstehen sowie uns unserem Vermeidungsverhalten stellen. Bei all dem können uns die Tugenden ratsam unterstützen.

 

Die vier Kardinaltugenden

 

In sokratischer Tradition gibt es bei der Stoa vier Kardinaltugenden – die Weisheit, den Mut, die Gerechtigkeit und die Mäßigung. Sie geben uns zu den Fragen „Was soll ich tun? / Wie soll ich leben?“ Orientierung, aber keine Universallösung, weil es das einfach nicht gibt. Die Weisheit soll uns helfen, komplexe Situationen und Phänomene wie die Angst zu erfassen. Der Mut hilft uns, physisch und moralisch das Richtige zu tun. In Bezug auf die Angst kann uns der Mut helfen, Herausforderungen anzunehmen und dass wir uns im Handeln nicht von der Angst leiten lassen. Die Gerechtigkeit erinnert uns daran, uns unseren Mitmenschen gegenüber freundlich und anständig zu verhalten, wenn wir selbst Angst haben oder auf jemanden treffen, die oder der verängstigt ist. Die Mäßigung ist die Tugend, die verhindert, dass wir entweder ins Perfektionsstreben verfallen oder dass wir die Selbstfürsorge schleifen lassen. Denn Perfektionsstreben führt zu Frustration und Depression, weil wir als Menschen imperfekt sind und nie Perfektion erreichen können.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Stoizismus ein schlüssiges System aus Tugenden zur Handlungsorientierung, dem Erfassen natürlicher Prozesse und der Anwendung des rationalen Werkzeugs der Dichotomie der Kontrolle. Angst und andere Emotionen werden damit nicht ignoriert oder verdrängt, sondern mit der Vernunft gelenkt. Das klingt alles sehr schlüssig und doch bleibt die Angst für mich persönlich ein nur schwer fassbares Phänomen, weil ich erst wieder lernen muss, die ersten Signale meiner Amygdala wahrzunehmen.

 

Marcus Aurelius. Selbstbetrachtungen. Magnus. 2004.

Epiktet. Handbüchlein der Moral. Reclam. 1992.

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