Stoa#13 – Engagement ohne Zorn?

Wenn ich von Stoizismus rede, werde ich häufig gefragt, wie denn ein Leben ohne Zorn als treibende Kraft aussehen soll. Engagiert sich dann überhaupt noch jemand? Wo soll die Motivation herkommen, wenn nicht aus dem Zorn über einen Missstand? Diese Fragen habe ich mir auch selbst gestellt, denn sie resultieren aus verschiedenen Missverständnissen.

 

Macht mich Stoizismus zu Mr. Spock?

 

Mir begegnet immer wieder die Vorstellung, dass wir durch Stoizismus so abgebrüht, rational und „emotional stabil“ werden wie Mr. Spock aus Star Trek. Und ja, so dachte ich auch eine Zeit lang. Aber das ist weder das Ziel noch das Ideal. Das Ziel ist es, „die Tugend zu verehren und ihr, so weit ich auch noch entfernt bin, mit unsicherem Schritte nachzugehen“, schreibt Seneca in seinem Aussatz „Vom glückseligen Leben“ (18.1). Die Tugenden sind das Ideal nach dem wir unser Denken und Handeln ausrichten. Das Ziel ist es, dieses Ideal zu verfolgen in dem Wissen, dass wir es nicht erreichen. Dass es nicht erreichbar ist, soll aber nicht als Ausrede gelten, es nicht anzustreben. Seneca weiß, dass er fehlerhaft ist wie alle Menschen: „so weit ich auch noch entfernt bin“. Er weiß auch, dass wir beim Versuch tugendhaft zu leben, Fehler machen werden, dass wir im Versuch lernen: „[der Tugend] mit unsicherem Schritte nachzugehen“.

Selbst die beiden amerikanischen Philosophie-Professoren und praktizierenden Stoiker William B. Irvine und Massimo Pigliucci gehen offen mit ihren Schwächen um. Irvine neigt zum „Autofahrer-Tourette“ und Pigliucci kann seiner italienischen kulinarischen Prägung nicht widerstehen, aber beide nutzen Stoizismus, um damit umzugehen. Dabei wird Irvine wohl nie ganz ohne Flüche Autofahren und Pigliucci nicht ohne leckeres Essen leben. Aber Irvine kontrolliert seinen Ärger und Pigliucci seine Genusssucht mithilfe des Stoizismus besser. Stoizismus ist kein Wundermittel, es ist aber eine sehr gute Methode, mit seinen Impulsen umzugehen. Wir werden nicht gefühlskalt und rein rational. Das Ziel ist Eudaimonia – Glückseligkeit – über den Weg der Gelassenheit.

 

Wie funktioniert Engagement mit Zorn?

 

Etwa 2013 schreibe ich eine Hausarbeit über den Zorn im Philosophie-Studium. Dabei arbeite ich den Zorn bei Lucius Annaeus Seneca heraus. Leider passt Senecas Perspektive damals nicht zu meiner These, dass politisches Engagement Zorn als Antrieb braucht. Zur Stützung meiner These werde ich bei Aristoteles und seinem Jünger Thomas von Aquin fündig, der den Zorn zwischen die Vernunft und den Hass setzt. Das heißt, bis zu einem bestimmten Punkt ist Zorn gut, wenn er von der Vernunft geleitet wird. Übernimmt der Hass die Leitung, ist der Zorn schlecht. Das ist in etwa die Position auf die ich in meinem Umfeld sehr häufig stoße und die ich bis vor Kurzem selbst vertrat.

Etwa von 2008 bis 2011 engagiere ich mich während des Studiums in der studentischen Selbstverwaltung. Meine Motivation ist, der aus meiner Sicht mangelhaften Umsetzung des Bologna-Prozesses in meinem Studiengang, an meiner Universität zu korrigieren. Mich stören die Verschulung der Studiengänge, die Prüfungslast und das immense Arbeitspensum. Die Verschulung der Studiengänge zeigt sich in einem strikten Geflecht aus Modulen, fester Vorgaben für die Reihenfolge des Besuchs von Lehrveranstaltungen und Zugangsbeschränkungen dazu. Die Prüfungslast ist so hoch, weil die Modulabschlussprüfungen in Prüfungsleistungen und Prüfungsvorleistungen zu fast allen Lehrveranstaltungen innerhalb des Moduls aufgeteilt sind. Das Arbeitspensum ist jedoch so eine Sache. Wenn man sich mit den Profs unterhält, sagen sie, dass sich Studierende immer über ein Zuviel beschweren. Das mag sein, aber der Versuch das Arbeitspensum über Lerntagebücher zu messen, schlug fehl. Die Studierenden, die sich dazu bereiterklärten, gaben bald wegen zu hoher Belastung durch das Studium auf. Meine Mission ist aber klar: Prüfungslast runter!

Natürlich stoße ich auf meiner Mission durch die Hochschulgremien auf Widerstand. Schließlich braucht jeder Prof seine Klausur zu seiner Vorlesung, weil sonst niemand mehr kommt. Dabei ist ein wichtiger Baustein des Bologna-Prozesses der „shift from teaching to learning“. Das heißt, dass das Lernen der Studierenden und die Bedingungen dazu in den Mittelpunkt rücken sollen. Die Profs sehen das als Verletzung ihrer Freiheit der Lehre, die aber immer noch gegeben ist, da sie über Inhalt und Methode weiterhin frei bestimmen können. Das sind die besten Voraussetzungen, um die Vernunft über den mitgebrachten Zorn zu verlieren. Zudem bin ich damals schon Perfektionist und verfolge ein hohes Ideal der Studiengangs-Gestaltung. Dieses Ideal bis zum Ist-Zustand durch zu drücken, erfordert einen wahnsinnigen Energieaufwand, den ich durch den Zorn speise. Ich streite ständig mit anderen Studierenden über die Frage, was ein gutes Studium ist, schreibe böse E-Mails an das Lehrpersonal, pöble einen Professor öffentlich im Senat an und bin beleidigt, dass meine Arbeit nicht ausreichend Anerkennung bekommt. Das sind typische Züge eines Perfektionisten – Rechthaberei und Sucht nach Anerkennung.

Weil ich durch den Perfektionismus und den Zorn so sehr auf das nicht-erreichbare Ziel fixiert bin, merke ich nicht, dass ich mit diesem wahnsinnigen Energieaufwand Raubbau an mir selbst ausübe. Mein Körper sendet mir in dieser Zeit deutliche Signale wie das Zucken des Augenlids, Bauchschmerzen, Zahnschmerzen und schließlich Reizdarm. Da ich all das ignoriere, folgt der komplette psychische Zusammenbruch. Die Diagnose lautet Depression mit Angststörung und ich fühle mich ausgebrannt.

Seneca nennt die Wut eine „kurze Geisteskrankheit“ (De ira 1.1.2). „Denn sie ist gleichermaßen ohne Macht über sich selbst, ohne Erinnerung an das, was sich gehört, ohne einen Gedanken an persönliche Bindung, hartnäckig konzentriert auf das, was sie begonnen hat, vernünftigen Argumentationen und gutem Rat unzugänglich, erschüttert von Nichtigkeiten, unfähig zu differenzierter Einsicht in Recht und Wahrheit und ganz so wie ein einstürzendes Gebäude, das über dem, was es zermalmt, zusammenbricht“ (1.1.2).

Ich will nicht behaupten, dass politisches oder gesellschaftliches Engagement mit Zorn unmöglich ist, nur weil es bei mir nicht funktionierte. Aber mit dieser Erfahrung und der Erinnerung an so viel andere, die sich an den Hochschulen aufrieben, möchte ich den Weg der Stoiker vorschlagen, denn Seneca ist nur eines von zahlreichen Beispielen von Stoikern aus der Politik der römischen Antike und Marcus Aurelius gilt sogar als der beste römische Kaiser.

 

Wie soll das ohne Zorn also gehen?

 

Massimo Pigliucci spricht von den zwei Säulen des Stoizismus: die Kardinal-Tugenden und die Dichotomie der Kontrolle. Diese zwei Säulen sollen helfen, mit Gelassenheit im Alltag und Engagement seine Ziele zu formulieren und zu erreichen. Die vier Kardinaltugenden sind die Weisheit, der Mut, die Gerechtigkeit und das Maßhalten.

Dabei hilft die Weisheit zu entscheiden, was gut für uns ist und was nicht. In welchem Bereich engagiere ich mich? Ist er mir wichtig? Und laufe ich dabei Gefahr, mich emotional zu stark einzubringen? Das Maßhalten oder die Mäßigung erinnert uns an das richtige Maß. Wie ich oben zeige, verstieß ich in meinem hochschulpolitischen Engagement gegen beide Tugenden, indem ich sehr von meinen eigenen Schwierigkeiten ausging, mich von meinen Emotionen leiten ließ und das Ausmaß meiner Arbeit mit zu vielen Ämtern und Funktionen viel zu umfangreich war.

Der Mut hilft uns, dafür einzustehen, was richtig ist und das Richtige zu tun. Die Gerechtigkeit hilft uns zu erkennen, was das Richtige ist. Sie zeigt uns, wie wir auch im gesellschaftspolitischen Kontext mit anderen Menschen umgehen und wie wir andere Menschen behandeln. Ich denke, dass es richtig war, sich für gute Studienbedingungen stark zu machen, aber sicher tat ich nicht immer das Richtige. Es ist auch deutlich geworden, dass ich im Umgang mit zahlreichen Beteiligten Vieles falsch gemacht habe wie die Pöbel-Mails.

Die zweite Säule des Stoizismus ist die Dichotomie der Kontrolle und dieses Instrument kann uns eine Menge Arbeit, Energie und negative Emotionen sparen. Epiktet unterscheidet in Dinge, die wir beeinflussen können und Dinge, die wir nicht beeinflussen können (Handbuch 1). Mein Ziel in der Hochschulpolitik die Prüfungslast radikal zu senken, war zielorientiert und auf die Senkung der Prüfungslast habe ich allein keinen Einfluss. Da ich dieses Ziel nicht erreichte oder nicht erreichen konnte, musste die gesamte Mission scheitern und ich übersah das, was wir tatsächlich erreichten wie die Verbesserung der Modulstruktur und die Schaffung eines Bewusstseins für die hohe Prüfungslast. Besser wäre ein prozessorientiertes Herangehen gewesen wie möglichst gut vorbereitet in die Sitzungen und Workshops zu gehen, denn das liegt in meiner Kontrolle.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Stoizismus nicht die Abwesenheit von Emotionen ist wie bei Mr. Spock, sondern das Vermeiden negativer Emotionen und die Erlangung der Eudaimonia über die Gelassenheit. Engagement von Zorn geleitet, führt zur Störung der Gelassenheit und damit zum Verlust der Sachlichkeit und rationaler Entscheidungskompetenz. Die Tugenden gemeinsam mit der Dichotomie der Kontrolle unterstützen prozessorientiertes und erfüllendes Arbeiten. Das letzte Wort soll jedoch Marcus Aurelius überlassen sein: „Nun gilt es nicht mehr zu untersuchen, was ein tüchtiger Mensch sei, sondern einer zu sein“ (X, 16).

 

Epiktet. Handbüchlein der Moral. Griechisch/Deutsch. Reclam, 1992.

Marcus Aurelius. Selbstbetrachtungen. Magnus, 2004.

Seneca. De ira: Über die Wut. Lateinisch/Deutsch. Reclam, 2017.

Seneca. Vom glückseligen Leben und andere Schriften. Reclam, 2011.

Foto:
Alexandra Mirgheș

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