Stoa#12 – 30 Tage geschafft – ein Fazit

22.04.20

30 Tage insgesamt,
22 Tage Gelassenheit insgesamt,
4 Tage Gelassenheit in Folge,

Was habe ich erreicht?

Zunächst einmal kann ich sagen, dass ich viel gelassener geworden bin. Das ist möglich geworden durch die Auseinandersetzung mit dem Stoizismus, meinem Zorn und meinem Perfektionismus. In den vergangenen 30 Tagen habe ich sechs Bücher teilweise oder komplett gelesen, mir unzählige Videos, Blogs, Apps und Podcasts rings um die Themen Stoizismus und Perfektionismus angesehen.

Was bleibt offen?

Verschiedene Bücher sind immer noch nicht eingetroffen, was mich vor 30 Tagen noch tierisch aufgeregt hätte. Jetzt weiß ich, dass ich keinen Einfluss darauf habe, ärgere mich nicht, sondern nutze die Zeit mit dem, was ich habe. Das eine oder andere Buch steht auch noch auf meiner Wunschliste. Ich werde weiter unten noch ein Fazit zur bisherigen Lektüre und Lesetipps geben.

Im Umgang mit meinen Emotionen helfen mir die Stoiker zu verstehen, dass ich das, was in der Vergangenheit passiert ist und sich heute auf meine Depression auswirkt, außerhalb meiner Kontrolle liegt. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern und vor allem mein Zorn über Menschen und Ereignisse aus der Vergangenheit ist irrational. Denn eine Seite in mir glaubt mit diesem Zorn diese Personen bestrafen zu müssen, aber denen ist doch mein Zorn völlig egal. Ich sehe diese Menschen nicht einmal mehr und ich richte doch den Zorn objektiv betrachtet gegen mich selbst. Trotzdem fällt es mir schwer, diesen Zorn loszulassen.

Was den Zorn betrifft, ist auch der Umgang mit anderen Menschen ein wichtiger Baustein. Ich hatte mir vorgenommen, die Aufmerksamkeit meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner auf etwas Positives zu lenken. Das klappt bei den meisten Menschen, aber nicht bei allen. Stoische Fragen zu verwenden wie „Kannst du es ändern?“, klappt bedingt. Das liegt nicht am Stoizismus, sondern daran, dass die Menschen sehr fest in ihren Denk- und Verhaltensmustern stecken, wie ich ja auch. Das braucht einfach seine Zeit, ein perfekter Zustand wird nie erreicht werden und das darf so sein.

„Stoizismus und Engagement“ sowie „Umgang mit Wut“ stehen als noch zu schreibende Themen auf meinem Zettel. Beide Themen fühlen sich gerade riesig an, aber ich bin dran. Derzeit lese ich die Wut-Schrift von Seneca. Der Typ ist echt der Wahnsinn. Mehr dazu in Bälde. Neben der Wut gibt es an negativen Emotionen noch die Trauer und die Angst. Beide sind in den vergangenen 30 Tagen komplett untergegangen, obwohl die Stoiker auch dazu sehr wichtige Gedanken liefern und ich mir dazu auch schon Gedanken gemacht habe.

Lesetipps für künftige Stoikerinnen

Bonelli, Raphael M. Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird: Dieses Buch hat nicht direkt etwas mit Stoizismus zu tun, aber ich kann allen Menschen nur wärmstens ans Herz legen, die selbst an Perfektionismus erkrankt sind oder unter Menschen mit Perfektionismus in ihrem Umfeld leiden.

Sekundärliteratur zum Stoizismus: Ich finde gerade beim Stoizismus Sekundärliteratur wichtig, weil die erhaltenen Schriften zum Teil zu wenig Hintergrundwissen liefern. Vieles von den antiken Stoikern ist verloren gegangen oder es wurde nicht aufgeschrieben, weil es in den stoischen Schulen mündlich gelehrt wurde. Deshalb können die Originaltexte ohne Sekundärliteratur wie altkluge Kalendersprüche wirken. Aufgrund der geschilderten Situation ist es wichtig, darauf zu achten, wer die Sekundärliteratur verfasst. Zwei der besten Autoren, die ich bisher gefunden habe, sind die amerikanischen Professoren William B. Irvine und Massimo Pigliucci, die beide in diesem Bereich forschen, auch für Menschen ohne philosophischen Hintergrund schreiben und praktizierende Stoiker sind. Irvines Bücher gibt es leider nur auf Englisch, von Pigliucci sind die wichtigsten zum Stoizismus ins Deutsche übersetzt worden. Darunter ist auch ein Übungsbuch. Insgesamt scheint Stoizismus im englischen Sprachraum eine größere Rolle zu spielen als im deutschen, was schade ist. Kants verstaubter Pflichtbegriff kann doch nicht alles sein, was es an Ethik in unserer Gesellschaft gibt.

Epiktet: Von Epiktet selbst ist nur das Handbüchlein der Moral erhalten. Von einem seiner Schüler namens Arrian sind Mitschriften unter dem Titel Unterredungen mit einem Vorwort von Arrian selbst veröffentlicht worden, die uns heute ebenfalls vorliegen. Die Lektüre lohnt sich, allerdings empfiehlt sich meiner Meinung nach ein fundiertes Hintergrundwissen zur Stoa.

Marcus Aurelius: Marcus ist der letzte der sogenannten fünf guten römischen Kaiser und er ist gleichzeitig der letzte antike Stoiker. Von ihm ist das Tagebuch mit dem Titel Selbstbetrachtungen erhalten. Massimo Pigliucci berichtet, dass es beispielsweise Nelson Mandela nachhaltig geprägt haben soll. Aber auch hier empfehle ich, sich erst ein fundiertes Hintergrundwissen zur Stoa zuzulegen.

Seneca: William B. Irvine empfiehlt zum Einstieg an Originaltexten Seneca. Auf mich wirkten die Textblöcke von Senecas Schriften zuerst wenig einladend, aber sie lassen sich überraschend gut lesen. Seneca verwendet eine immens anschauliche Sprache mit zum Teil wunderschönen Allegorien, mit denen er im Sturm sowohl mein philosophisches als auch mein philologisches Herz erobert.

Ich denke, folgende Texte eignen sich zum Einstieg besonders gut: „Von der Gemütsruhe“ und „Vom glücklichen Leben“. Wer, wie ich, feststellt, dass Zorn ein wichtiges persönliches Thema ist, dem möchte ich Senecas Schrift De ira – Über die Wut empfehlen. Die Schrift ist in drei Bücher aufgeteilt und in Buch drei gibt er sehr gute Tipps zum Umgang mit Wut. In der zweisprachigen Reclam-Ausgabe beginnen die Hinweise ab dem Abschnitt 5. Zudem schildert er im Anschluss an historischen Beispielen, warum die Auseinandersetzung mit Wut so wichtig ist. Ironischerweise fällt Seneca selbst einem zornigen Herrscher zum Opfer.

Wie geht es weiter?

Wie vielleicht schon durchgeklungen ist, geht es für mich mit der Stoa weiter. Das Thema der Wut will ich in Kürze abschließen und mich der Trauer und der Angst widmen. Die Lektüreliste reißt nicht ab, da beispielsweise Irvine gerade erst ein neues Buch veröffentlichte. Meine beste Freundin, die nicht namentlich genannt werden will, war der Auslöser für dieses Projekt. Unsere Themen wie Perfektionismus und Depression überschneiden sich an zahlreichen Stellen. Da sie ebenfalls an den Stoikern dranbleibt, tauschen wir uns über Fortschritte, Schwierigkeiten und neue Bücher aus. Davon profitieren wir beide extrem, weil wir vom und mit jeweils anderen sehr viel lernen. Einer weiteren Freundin fiel meine Veränderung auf und nun schließt auch sie sich an.

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