Stoa#9 – Worüber wir gebieten und nicht gebieten

18.04.20

26 Tage insgesamt,
18 Tage Gelassenheit insgesamt,
0 Tage Gelassenheit in Folge,

Am Donnerstag habe ich starke Bauchschmerzen, Reizdarm und presse die Zähne zusammen. Insgesamt handelt es sich hierbei um psychosomatische Zeichen, die bei mir auf Stress deuten. „Aber ich habe doch gar keinen Stress“, denke ich, denn schließlich bin ich wie so viele andere Menschen Zuhause. Bei einem Gespräch mit einer Psychologin, mit der ich zufällig für diesen Tag einen Telefontermin habe, stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um Stress handelt, den ich mir selbst bereite.

Aus Neugier wird Perfektionsstreben

Als ich mit dem Gelassenheits-Selbsttest beginne, ist es aus reiner Neugier, um zu sehen, ob überhaupt etwas passiert. Dann passiert tatsächlich etwas und aus der Neugier wird Perfektionsstreben. Das perfektionistische Handlungsmuster greift wieder ein und erhebt das Soll der Gelassenheit in ein Muss im Ist. „Ich muss jetzt und bis in alle Ewigkeit gelassen sein!“ Dass dieses innere Dogma nicht zu Gelassenheit führen kann, wird mir in diesem Moment auch klar.

Dabei sagt es doch schon Epiktet: „Über das eine gebieten wir, über das andere nicht. Wir gebieten über unser Begreifen, unsern Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden, und, mit einem Wort, über alles, was von uns ausgeht“ (Handbuch 1). Das heißt in diesem Fall liegt die Kontrolle über meine Absichten, nämlich Gelassenheit zu erreichen, und die Wahl der Mittel dafür, die Übungen usw. in meiner Hand, weil all das von mir ausgeht. Aber ich kann nicht das Resultat kontrollieren, weil äußere Faktoren wie andere Menschen und verschiedene Ereignisse das Resultat beeinflussen können.

Prozessorientiert, statt zielorientiert

Das heißt, statt zielorientiert soll ich prozessorientiert denken und handeln. Dabei liegt es in meiner Hand mein Bestes dafür zu tun. Ein früherer Therapeut verdeutlichte den Unterschied wie folgt: Kinder malen prozessorientiert. Das Ergebnis ist ihnen egal; es kommt auf die Tätigkeit des Malens selbst an, auf das Experimentieren mit den Farben und Techniken. Den Perspektivwechsel drücken wir ihnen auf, indem wir das fertige Bild bewerten, nicht die Tätigkeit. Indem wir den Fokus auf das Ergebnis lenken, erzeugen wir Druck darauf, wie das Bild aussieht, welche Note es gibt, wer welche Leistung bringt. Wer soll da noch Spaß am Malen, am Sport, an der Schule, der Arbeit usw. haben?

… ich drehe durch

Der bei mir selbstgemachte Stress sorgt auch für ein dünnes Nervenkostüm und ausgerechnet jetzt muss ich eine Service-Hotline anrufen. Beim Bezahlen mit einem Online-Bezahldienst soll ich plötzlich den Vorgang zusätzlich mit einem Code verifizieren, der an mein Handy geschickt wird. Das gab es noch nie. Dummerweise habe ich eine neue Nummer und diese bei diesem Dienst nicht geändert. Um mich anzumelden, damit ich das ändern kann, brauche ich ebenfalls den Code, der an die Nummer im Mobiltelefon-Nirwana geschickt wird. Die Computerstimme sagt, dass ich mich mit diesem Code anmelden muss, um die Nummer zu ändern, damit ich den Code für zu verifizierende Zahlung an meine neue Nummer gesendet bekomme … ich drehe durch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s