Stoa#10 – Die Stoa und die Meinung

Opinions. Everyone’s got one. Think about all the opinions you have: about whether today’s weather is convenient … We’re constantly looking at the world around us and putting our opinion on top of it. And our opinion is often shaped by dogma (religious or cultural), entitlements, expectations, and in some cases, ignorance.
No wonder we feel upset and angry so often! But what if we let these opinions go? Let’s try weeding … them out of our lives so that things simply
are. Not good or bad, not colored with opinion or judgement. Just are.

Das schreiben Ryan Holiday und Stephen Hanselman in The Daily Stoic für den 18. April. Weil der Vorschlag, die Dinge zu betrachten wie sie sind, zunächst etwas kryptisch daherkommt, gilt es das aufzuschlüsseln. Dabei sollen uns Epiktet, den die beiden ebenfalls anführen, und Massimo Pigliucci helfen, der zur Hilfe für das stoische Leben unter anderem die Tugenden und die Integrität anführt.

Epiktet zur Meinung

Für Epiktet ist die Meinung von jemand anderem etwas, über das „wir nicht gebieten“ (Handbuch 1). Meinungen der anderen liegen außerhalb unserer eigenen rationalen Wahl oder Kontrolle (Unterredungen 3.3.18d-19). Damit ist es etwas, auf das wir antworten sollen: „Es geht mich nichts an“ (Handbuch 1).

Die Tugenden zum Umgang mit Meinungen

Die Tugenden nach Pigliucci sind praktische Weisheit (practical wisdom), Mut (courage), Gerechtigkeit (justice) und Mäßigung (temperance). Die praktische Weisheit beinhaltet zu wissen, was gut für uns ist und was nicht. Uns über die Meinung anderer aufzuregen, ist nicht gut für uns, weil es unsere Gelassenheit stört und wir ohnehin keinen Einfluss auf die Meinung anderer haben. Mut ist, für „das Richtige“ einzustehen und „das Richtige“ zu tun. Wenn die Meinung anderer gegen „das Richtige“ verstößt, hilft uns der Mut für „das Richtige“ einzustehen. Gerechtigkeit sagt uns, was „das Richtige“ ist, wie wir mit anderen Menschen umgehen und wie wir sie behandeln. „Das Richtige“ und Gerechte wäre also nach Holiday und Hanselman, die Dinge ohne Meinung so zu betrachten wie sie sind. Die Mäßigung ist, immer alles im richtigen Maß zu tun, ohne zu über- oder untertreiben. Wegen einer Meinung in Streit zu geraten, wäre zum Beispiel aus stoischer Sicht übertrieben und wenn uns alles egal ist, wäre das zu wenig. Ein möglichst neutraler Blick auf die Dinge ist demnach das richtige Maß.

Mit Integrität das Beste erreichen ohne Perfektion

Im Stowasser finden wir zur „integritas“ die Übersetzungen „Unversehrtheit“, „Reinheit“ und „Redlichkeit, Unbescholtenheit“. Die Integrität (integrity) bei Pigliucci ist die Warnung, Perfektion dabei bloß nicht anstreben zu wollen und stattdessen das Beste zu geben, das wir können. Wir sollen ein bisschen besser sein als gestern und einen kleinen Schritt nach dem nächsten gehen. Wenn uns also der richtige Umgang mit der Meinung nicht gleich gelingt, ist das in Ordnung. Wenn es uns schwerfällt, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, ist das in Ordnung.

Meinen versus Denken & Anschauen

Wenn wir uns auf die Frage einlassen „Was ist das Wesen dieses Gegenstandes?“, ob stofflich oder nicht-stofflich, dann erreichen wir eine Offenheit im Denken, die die Meinung überwindet. Denn das Meinen unterliegt im Gegensatz zum Denken nicht unserer rationalen Kontrolle. Vielmehr ist das Meinen, wie Holiday und Hanselman sagen, von Dogmen, Ansprüchen, Erwartungen und Ignoranz bestimmt. Die Dinge zu sehen, wie sie sind, wie Holiday und Hanselman sagen, eröffnet neben dem Denken noch die Ebene des Betrachtens, des Anschauens: „denk nicht, sondern schau“, wie Ludwig Wittgenstein (PU 66) sagt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Holidays und Hanselmans Überlegung zur Meinung sehr gut mit Pigliuccis Begriffen der Tugend und der Integrität aufschlüsseln lassen. Der Austausch von Meinungen stört aus stoischer Sicht die Gelassenheit und den Blick auf das was ist. Die Tugenden und die Integrität geben uns einen Handlungsrahmen im Umgang mit der Meinung, der uns dahinführt, was Holiday und Hanselman vorschlagen: die Dinge zu betrachten, wie sie sind. Die Frage danach, wie die Dinge denn sind, soll das Meinen hin zum Denken über und das Schauen auf die Dinge eröffnen.

Epiktet. Handbüchlein der Moral. Reclam, 1992.
Holiday, Ryan und Stephen Hanselman. The Daily Stoic. 366 Meditations on Wisdom, Perseverance, and the Art of Living. Portfolio, 2016.
Pigluicci, Massimo. “Stoicism as a philosophy of ordinary Life”. TEDx Talks. < https://www.youtube.com/watch?v=Yhn1Fe8cT0Q>. 25.09.2018. 18.04.2020.
Wittgenstein, Ludwig. Philosophische Untersuchungen. Werkausgabe 1. suhrkamp, 2006.

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