Stoa#8 – Auf der Suche nach dem Ursprung meines Zorns

13.04.20

21 Tage insgesamt,
16 Tage Gelassenheit insgesamt,
12 Tage Gelassenheit in Folge,

Als ich mit dem Gelassenheitsexperiment beginne, merke ich sehr schnell, dass meiner Gelassenheit mein Zorn im Wege steht. Dabei hatte ich mich selbst doch immer für einen chilligen Menschen gehalten. In meinem Zeugnis aus der siebten Klasse steht: „Mirco ist ein ruhiger, freundlicher und höflicher Schüler.“ Was ist mit ihm passiert? Wo ist der hin?

Wenn mich etwas aus meiner Gemütsruhe bringt, dann die Nachrichten, andere Menschen und Behörden. Ich suche die Schuld für meine Arbeitslosigkeit bei meiner Depression oder dem Arbeitsmarkt. Schließlich sehen die ja das Potenzial von Philosophinnen und Philosophen allgemein nicht und bei mir speziell schon gar nicht.

Seine Spiegelneuronen schreien „WUT!“

Als mir vor etwa sechs Jahren der erste Therapeut sagt, dass seine Spiegelneuronen in meiner Gegenwart immer „WUT!“ schreien, reagiere ich empört. Wie kann er so etwas sagen? Der soll mir mit meiner Depression helfen, verdammt noch mal. Vor ein bis zwei Jahren sagt mir der zweite Therapeut das gleiche und ich stutze. In den Wochen danach achte ich auf meine Reaktionen und bin erstaunt, wie oft ich mich aufrege. Natürlich liegt die Ursache für meinen Zorn immer noch bei anderen, nicht bei mir selbst. Als Radfahrer bin ich im Straßenverkehr nur von Idioten umgeben, die für mich eine Lebensgefahr darstellen. Ich selbst, davon bin ich überzeugt, handle immer richtig und falls ich gegen Regeln verstoße, dann aus gutem Grund.

Der erste Kontakt mit der Stoa

Vor ein paar Wochen schickt mir meine beste Freundin einen Essay über die Philosophie der Stoa und ihre positive Wirkung auf Menschen mit Depressionen. Da ich Philosoph bin, sollte die Einarbeitung und Widerlegung der These eine leichte Übung sein. Beim ersten Lesen rege ich mich über die Struktur auf, denn im Amerikanistik-Studium sind wir mit den Besonderheiten dieser Textform bis zum Erbrechen gequält worden. Und dieser Autor aus den USA sollte doch das Essay-Schreiben mit der Muttermilch aufgesogen haben. Wieso schreibt der wie ein Deutscher? Das sind doch die Könige der Langeweile in schwarz auf weiß. Am Ende des Textes lese ich die Kommentare, um für mein vernichtendes Urteil Bestätigung zu finden. Stattdessen werden Autor Andrew Overby und sein Text über den Klee gelobt. Jemand zitiert den ersten Abschnitt und findet sich zu einhundert Prozent darin wieder. Frei übersetzt, schreibt Overby folgendes:

Wir alle beginnen, die Welt ändern zu wollen. Depressive halten diesen Impuls länger fest als die meisten Menschen, denke ich, und deshalb, wenn die zwangsläufige Erkenntnis kommt, dass wir das nicht können, trifft es einen umso härter.

Wieso soll ich die Welt nicht ändern können?

Wow, was schreibt er da? Wir können die Welt nicht ändern? Ich kann die Welt nicht ändern? Aber ich lege doch so viel Energie da rein, schreibe Texte und Kommentare, hatte mich im Studium in der Hochschulpolitik bis zur völligen Erschöpfung aufgerieben, gab fast zehn Jahre lang in Workshops meine Erfahrungen und mein Wissen weiter. Das alles soll umsonst gewesen sein? Nein, umsonst ist es nicht gewesen, aber die Welt hatte ich wirklich nicht verändert. Overby hat wohl recht.

Ich lese den Essay ein paar Mal, unterstreiche verschiedene Passagen und fertige ein Mindmap an, um die Informationen für mich zu ordnen. Overby sagt etwas von in-der-Vergangenheit-festhängen. Tatsächlich suche ich die Schuld für meine Depression in meiner Kindheit und vor allem bei meinem alkoholkranken, gewalttätigen Stiefvater. Ich suche sie bei Lehrerinnen und Lehrern, die zwar mein Potenzial sehen, aber mich und meine Situation einfach nicht verstehen wollen. „Durch eine größere Willensstärke, Konzentration und Mitarbeit im Unterricht hätte er sein Leistungsvermögen im 7. Schuljahr weit besser ausschöpfen können“, steht in meinem Zeugnis von damals und sofort steigen Zorn und Trauer in mir auf. Overby schreibt von einem Perspektivwechsel vom Ereignis auf die eigene Reaktion darauf. Behauptet er etwa, dass mein Zorn unabhängig von den Ereignissen ist? Aber die ärgern mich doch alle! Oder liegt es am Ende doch an mir?

Trotz Philosophie-Studium keine Ahnung von der Stoa

Ich will mehr wissen und suche nach einem Buch. Zwar habe ich einen Master-Abschluss in Philosophie, aber die Stoa kommt in meinem Studium kaum vor. Natürlich sind 2500 Jahre Philosophiegeschichte nicht in einen vergleichsweise kurzen Studiengang pressbar. William B. Irvine, der selbst Philosophie-Professor in Dayton, Ohio ist, forscht zur Stoa und lebt sogar deren Lehre. Deshalb gilt auch er im Kollegium als andersartig und rät Neu-Stoikern, niemandem zu sagen, dass sie nach den Lehren der Stoa leben. Mist!

Mit Gelassenheit zur Glückseligkeit

Die Stoiker beziehen die Naturwissenschaften in ihre Schule mit ein, können sich aber dennoch nicht alles erklären. Vielen können sie vor 1700 bis 2300 Jahren nicht wissen und füllen diese Leerstellen mit Gott. Dennoch sind ihre Beobachtungen über das Verhalten der Menschen bis heute gültig. Sie entwickeln eine Lebens-Philosophie, deren Ziel mittels eines tugendhaften Lebens und Gelassenheit die Erreichung eines Gemütszustandes namens Eudaimonia ist – Glückseligkeit.

Die Corona-Krise als persönliche Chance

Zu Beginn der Corona-Krise frage ich mich, was ich mit all der Zeit allein in meiner winzigen Wohnung anfangen soll. Erst verbringe ich sehr viel Zeit im Internet und stoße auf ein Video mit einer interessanten These: Wenn ich es schaffe, mich zwei Stunden am Stück durch soziale Medien zu scrollen, dann schaffe ich es auch zwei Stunden am Stück konzentriert zu arbeiten. Der Sprecher erklärt, dass das Gehirn uns mit Dopamin belohnt. Zocken, soziale Medien, Musik und so weiter sorgen für eine schnelle Ausschüttung, die aber nicht lange anhält. Also sehen wir wieder auf das Display des Handys, um zu sehen, ob uns jemand geschrieben oder einen Beitrag von uns geliket hat. Auf Lernen, Workouts und konzentriertes Arbeiten reagiert die Dopaminausschüttung langsamer, aber nachhaltiger. Die Lösung soll eine Dopamin-Detox-Kur sein zum Beispiel mit Offline-Zeiten, dem Ertragen der Langeweile und der Aufnahme schwierigerer Aufgaben wie anspruchsvolle Bücher lesen.

Ich strukturiere meinen Tag neu mit Offline-Zeiten, Bewegung, lesen und schreiben. Ein bisschen Zeit bleibt vom Tag auch noch fürs das Rumtingeln im Internet und Telefonate mit Freundinnen und Freunden. Ich erinnere mich an verschiedene Lern- und Arbeitstechniken aus dem Studium und die Anzahl der Stunden konzentrierter Arbeit steigt. Und das wichtigste ist, dass ich keinerlei Anzeichen von Lagerkoller oder Vereinsamung zeige. Im Gegenteil, mir geht es so gut wie lange nicht mehr.

Erste stoische Übung – negative Visualisierung

Die erste Lektion in Irvines stoischen Übungen ist die negative Visualisierung. Das heißt, dass unsere Gehirne darauf geeicht sind, immer mehr zu wollen wie das neueste Smartphone, eine neue Klamotte oder irgendein anderer Firlefanz. Wir glauben, dass uns diese neuen Dinge glücklich machen. Aber das Glück hält nur kurz an und wir wollen wieder etwas Neues. Es ist quasi der gleiche Mechanismus wie oben mit dem Zocken, den sozialen Medien und so weiter.

Die negative Visualisierung ist wie eine Dopamin-Detox-Kur. Das heißt, anstatt uns etwas Neues zu kaufen, sollen wir uns dessen bewusstwerden, was wir bereits besitzen. Wir sollen uns sogar vorstellen, liebgewordene Gegenstände und Menschen nicht mehr um uns zu haben. Dadurch lernen wir diese Menschen und Gegenstände wieder wertzuschätzen. Genau das Gleiche trifft auf die Corona-Krise zu. Überall jammern die Menschen wie schlimm es denn sei, dass sie dieses oder jenes nicht mehr tun dürfen. Mein Kopf hingegen sieht, welche Möglichkeiten sich in dieser Situation bieten und das erste Mittel gegen meinen Zorn ist gefunden.

Der Entschluss zum 30-Tage-Gelassenheits-Selbsttest

Eine weitere Möglichkeit erkenne ich in einem 30-Tage-Gelassenheits-Selbsttest. Dadurch sehe ich, wie viel Ärger in mir steckt. Bei jeder Gelegenheit meckere ich los und ich finde mich darin bestätigt, nur von Idioten umgeben zu sein. Aber die Stoiker sagen, ich solle bei mir bleiben, meine Reaktion beobachten und verändern. Es dauert ein paar Tage bis ich nur noch einmal meckere und ärgere mich zunächst sehr über mich selbst. Gleichzeitig sehe ich es als kleinen Erfolg und ab dem Folgetag schaffe ich es mehrere Tage, nicht zu meckern.

Ich bin ein schlimmer Meckersack

Dennoch bringen mich immer wieder Menschen aus der Fassung. Dabei wohne ich allein und es herrscht Kontaktsperre. Im Waschhaus leeren Mitbewohner aus dem Haus über Stunden ihre fertigen Maschinen nicht aus und ich kann deshalb nicht waschen. Oder ich ärgere mich über das Servicetelefon meines Internetanbieters, statt flexibel darauf zu reagieren. Es ist ja nur das Festnetz-Telefon ausgefallen. Was ist denn nur mit mir los? Warum löst so etwas in mir den Impuls des Zorns aus? Zwar registriere ich inzwischen den Impuls, setze mich gedanklich damit auseinander und es gelingt mir sogar, mich zu entscheiden, mich nicht zu ärgern, aber warum ist dieser Impuls permanent da? Dieser Frage muss ich nachgehen.

Das Übel hat einen Namen – Perfektionismus

Ein Freund aus meiner gesellschaftlichen Philosophie-Blase schickt mir bereits vor ein paar Monaten mehrere Videos von Psychologen, weil ich ihm wohl mit meiner ewig schlechten Laune auf die Nerven falle. Darunter ist auch ein Vortrag des Wiener Psychologen Raphael Bonelli zum Perfektionismus. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ich Perfektionist bin, sehe es aber als Schwäche mit der man in der Gesellschaft gern kokettiert. Aber eigentlich habe ich keine Ahnung, was das bedeutet und Bonellis Vortrag trifft mich sehr.

Einblick in den Mechanismus des Perfektionismus

Er erklärt unter anderem etwas über Ich-Haftigkeit als Dienst am Ich, statt an der Sache. Ferner sagt er etwas über die Angst, nicht genug zu sein, die Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit und dem Glauben, dass Leistung glücklich mache. Ich habe nicht nur Angst davor, nicht genug zu sein, ich weiß es, weil ich ja arbeitslos bin und im gesellschaftlichen Narrativ jene nichts wert sind, die nichts leisten. Und ich leiste nichts. Allerdings verspüre ich an dieser Stelle noch keine Angst vor Fehlerhaftigkeit, da ja nicht ich, sondern die Gesellschaft nicht ganz richtig tickt. Mir geht jedoch diese Ich-Haftigkeit mit dem Dienst am Ich nicht aus dem Kopf, schließlich hatte ich bereits bemerkt, dass es mir in Gesprächen schwerfällt, mich auf mein Gegenüber einzulassen. Immer wieder kehre ich in Gedanken dabei zum Ich zurück. Von Bonellis Buch über den Perfektionismus verspreche ich mir Antworten.

Perfektionisten sind Besserwisser und Rechthaber

Zwei von Bonellis Punkten bleiben mir besonders im Kopf haften. Erstens, sagt er, dass sich das Ich über das Du definiert. Von dort aus könne sich das Ich zum Wir entwickeln. Das leuchtet mir ein und ich mag den Gedanken, denn tiefere Beziehungen zu anderen Menschen fallen mir schwer, aber bisher konnte ich mir nicht erklären warum. Der zweite von Bonellis Punkten, der bei mir hängen bleibt, ist, dass Perfektionisten Besserwisser und Rechthaber seien. „Nee, da irrt er sich“, denke ich, „da finde ich mich so gar nicht wieder.“ Doch in einer Diskussion mit jemandem aus meiner Philosophie-Blase fällt es mir auf: ja, du bist ein Rechthaber und Besserwisser. Ich wollte einfach nicht nachgeben, obwohl ich erkannte, dass sein Argument meines komplett aushebelt. Dann fallen mir weitere Beispiele ein. Bonelli sagt, der Perfektionist sieht überall Falschparker. Ich sehe es, wenn Autofahrer den Mindestabstand von 1,50m beim Überholen von Radfahrern nicht einhalten. Vor allem sehe ich Rechtschreib- und Interpunktionsfehler. Ich höre grammatikalische Fehler wie: „Wo ich damals …“. Automatisch keife ich dann „ALS! Das Wo fragt nach dem Ort, nicht nach der Zeit.“

Wenn das Soll ein Muss ist

Diesen Mechanismus erklärt Bonelli damit, dass für den Perfektionisten das Soll zum Muss wird. Ich betrachte das Soll als Muss, wenn kann. Der Unterschied zwischen Bonellis und meiner Auffassung zum Soll liegt darin, dass für Bonelli das Soll unerreichbar ist, ein Ideal bleibt und der Mensch an der Orientierung zum Soll wächst. Bei mir impliziert die Formel „Soll ist Muss, wenn kann“, dass das Soll als Muss erreichbar ist. Ich muss sogar erkennen, dass ich den Zusatz „wenn kann“ unter den Tisch fallen lasse. Damit wird bei mir das Soll zum Muss und zwar im Ist, also jetzt. Was macht das mit mir?

Der kategorische Imperativ als inneres Dogma

Bereits als Kind beobachtete ich das Verhalten der Menschen untereinander und immer wieder drängt sich mir die Frage in den Kopf: „Darf man so handeln?“ Darf man Menschen von oben herab behandeln? Darf man anderen Menschen wehtun? Als Philosoph kenne ich heute verschiedene ethische Konzepte, die darauf Antwort geben wie der kategorische Imperativ von Immanuel Kant: „handle stets nach derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“ Ich habe so viel Leid gesehen und erlebt, fühle so viel Weltschmerz, dass mir Sätze wie dieser als Soll nicht mehr reichen, denn ich will, dass die Welt ein besserer Ort ist. Diese Sätze sind zum Muss geworden und ich messe die Menschen in ihren Handlungen an diesem Muss. Weil Menschen aber nun mal nicht stets nach Kants kategorischem Imperativ handeln, sehe ich natürlich permanent Regelverstöße und hier liegt eine weitere Ursache des Zorns – meines Zorns.

Wir – die Aufreger-Gesellschaft

Als mir diese Wechselwirkung bewusst wird, sehe ich sie zuerst nicht bei mir selbst, sondern darin, dass sich andere permanent wegen echten oder gewünschten Regelverstößen aufregen. Fast denke ich, dass ein Großteil der Menschen Perfektionisten sein müssen oder die Medien: beinahe täglich treiben sie ein anderes armes Schwein als vermeintlichen Skandal über die Titelseiten und durch die sozialen Netzwerke. Es werden pro Jahr so viele Skandale erzeugt, dass die echten Schweinereien keine Konsequenzen mehr nach sich ziehen. In Gesprächen mit Freunden und Familie fällt mir auf, dass wir nicht mehr mit einander reden – wir tauschen die letzten Aufreger aus. Es dauert eine Weile, bis ich erkenne, ich selbst tue das auch. Der Gedanke erschreckt mich und es fällt mir schwer, diese Erkenntnis zuzulassen. Ich nörgele ständig rum und suche die Fehler immer bei anderen, nicht bei mir selbst. Das ist noch eine Ursache des Zorns – meines Zorns. Deshalb fällt mir die Gelassenheit so schwer.

Ich bin immer ein ethisches Vorbild …

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ich mich immer an die Regeln halte. Ich bin davon überzeugt, dass das vorlebe, was ich von allen anderen erwarte. Bonelli ist es, der auch mit diesem Selbstbetrug aufräumt. Er sagt, dass Perfektionisten sehr gut darin sind, für sich selbst Ausreden und Entschuldigungen zu finden, weshalb die Regeln nicht für sie selbst gelten. „Nein, so etwas mache ich nicht“, denke ich, aber Bonellis Satz bleibt mir im Gedächtnis hängen. Plötzlich fällt mir eine Situation ein, dann noch eine und noch eine.

… außer es gibt gute Gründe  

Ich spaziere gerade durch den Park und muss laut loslachen, weil mir die Begründungen zu meinen Ausreden wieder in Erinnerung kommen. Zum Beispiel begründe ich das Überqueren einer roten Fußgängerampel mit dem oben genannten kategorischen Imperativ von Kant wie folgt: „Ja, ich kann wollen, dass das Überqueren einer roten Fußgängerampel allgemeines Gesetz werde und zwar immer dann, wenn ich mich überzeugt habe, dass die Straße frei ist.“ Ich kann es sogar utilitaristisch begründen: Nach John Stuart Mill gibt es das Verbrechen ohne Opfer, das nicht gesühnt werden darf. „Beim Überqueren einer roten Ampel, wenn frei ist, gibt es keine Opfer.“ Damit geht das Verbrechen quasi klar, meint mein perfektionistisches Ich. Oder wie wäre es mit amerikanischem Pragmatismus? „Wenn ich die rote Ampel überquert habe, ohne dass dabei ich selbst oder andere zu Schaden gekommen sind, dann ist diese Handlung nachträglich als moralisch ‚richtig‘ zu werten.“

„Die Hölle, das sind die anderen.“

Jetzt kenne ich die Ursachen für meinen permanenten Zorn und kann an mir arbeiten. Aber was mache ich mit all den anderen Perfektionisten in meinem Umfeld? „Die Hölle, das sind die anderen“, heißt es in Jean-Paul Sartres Theaterstück Geschlossene Gesellschaft. Sie zur Erkenntnis zu drängen, wird nicht klappen, denn Platons Höhlengleichnis und Sokrates‘ Schicksal sind mir eine Warnung. Dafür bieten die Stoiker eine Lösung an.

Die stoische Lösung bei Aufregern

Ich soll mein zorniges Gegenüber fragen: „Kannst du etwas daran ändern? Nein? Dann liegt es nicht in deinen Händen. Also warum regst du dich dann darüber auf?“ Das konnte ich sogar schon erfolgreich testen, aber ich muss noch an dem Wie arbeiten. Ich fürchte, ich war ein bisschen schroff. Zudem fiel mir, dass es vielleicht hilft, zu fragen: „Was hast du heute Schönes erlebt?“

Die Akzeptanz der eigenen Fehlerhaftigkeit

Bonelli meint, der Weg aus dem Perfektionismus ist die Akzeptanz der eigenen Fehlerhaftigkeit und ich denke, dass ich meine eigene Fehlerhaftigkeit deutlich gezeigt habe. Das heißt, das Krankheitsbild an sich ist doch rational betrachtet der Beweis für die Fehlerhaftigkeit der Betroffenen. Trotzdem läuft wieder im Park folgender Dialog zwischen meinem vernünftigen Ich und meinem perfektionistischen Ich ab:

vernünftiges Ich: Du musst doch erkennen, dass allein die schlüssige Beschreibung des Phänomens  des Perfektionismus eine Fehlerhaftigkeit zeigt.

perfektionistisches Ich: Du meinst also, dass ich als Perfektionist nicht perfekt bin, nicht perfekt sein kann?

vernünftiges Ich: Genau.

perfektionistisches Ich: Du sagst also, ich solle diese Fehlerhaftigkeit akzeptieren, um den Perfektionismus zu überwinden?

vernünftiges Ich: Genau.

perfektionistisches Ich: Wenn ich es akzeptiere, bin ich fehlerhaft und wenn ich es nicht akzeptiere, bin ich trotzdem fehlerhaft?

vernünftiges Ich: Genau.

perfektionistisches Ich: Ich kann machen, was ich will; ich bin fehlerhaft?

vernünftiges Ich: So ist es.

perfektionistisches Ich: Damit kann ich nicht leben. Dann bleibe ich Perfektionist und erhalte mir wenigstens die Illusion, perfekt zu sein.

Ich muss sehr über diesen dialektischen Winkelzug meines perfektionistischen Ichs lachen. Für dieses kreative Potenzial brauche ich dringend eine neue Aufgabe.

Weniger Zorn eröffnet Platz für Gelassenheit und Freude

Durch Raphael Bonelli erkenne ich das Soll-Muss-Missverhältnis in meinem Denken und seine negativen Auswirkungen auf mein Handeln sowie auf meine Beziehungen. Es macht mich zum verbitterten Besserwisser und Rechthaber. Ethische Ideale bilden eines meiner inneren Dogmen, an denen ich andere Menschen messe und bewerte, was sich als Quelle meines Zorns herausstellt. Dabei finde ich mit denselben ethischen Maßstäben kreative Ausnahmen für mich selbst und tue mich noch schwer beim Anerkennen der eigenen Fehlerhaftigkeit, trotz der erdrückenden Beweislast.

„Mirco ist ein ruhiger Schüler“, ist leider kein Zeichen für stoische Gelassenheit bei meinem früheren Ich. Dieser Einstiegssatz meiner Klassenlehrerinnen findet sich in allen Zeugnissen von der zweiten bis zur siebten Klasse wieder und es ist eigentlich ein Euphemismus für ein in-Ruhe-gelassen-werden-wollen, für einen kleinen depressiven, introvertierten Jungen, der später die Welt, die auf ihn drückt, verändern will. Vor ein paar Jahren arbeitete ich selbst als Lehrer und lernte, dass an diesem Beruf viel mehr hängt als der eine ruhige Junge, um den man sich Sorgen macht. Wenn mir jemand im Lehrerzimmer sagte, ich könne die Welt nicht ändern, hielt ich diese Person für einen Verräter an seinen Idealen. Am Ende beschloss ich verbittert, dass die Schule der falsche Ort für mich ist.

Andrew Overby behält recht, denn ich habe den Impuls, die Welt ändern zu wollen, für eine sehr lange Zeit aufrechterhalten. Die Erkenntnis, dass ich es nicht kann, trifft mich sehr hart. Bonelli zeigt mir, warum ich es nicht kann und die Stoa hilft mir, bei mir selbst und meinen Reaktionen auf die Ereignisse zu bleiben. Sie hilft mir, den Blick von dem was ich will auf das was ich habe zu richten und das wert zu schätzen. Auf der Suche nach dem Ursprung meines Zorns hat der Zorn innerhalb der vergangenen drei Wochen immens abgenommen. Immer öfter nehmen Gelassenheit sowie Freude seinen Platz ein.

 

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