Stoa#7 – Was ist ein perfekter Text?

09.04.20

16 Tage insgesamt,
12 Tage Gelassenheit insgesamt,
8 Tage Gelassenheit in Folge

In den vergangenen Wochen befasste ich mich mit Perfektionismus im Allgemeinen, weil ich dort die Quelle meines Zorns vermutete und begann durch Selbstbeobachtung gedankliche Debatten mit mir selbst zu führen. Dabei entstand der folgende Dialog zwischen meinem sokratisches Ich namens Phil und meinem perfektionistischen Ich namens Perry.

 

Phil: Warum schreibst du so wenig neue Texte?

Perry: Ich komme nicht dazu?

Phil: Warum kommst du nicht dazu? Du hast doch Zeit.

Perry: Ja, das schon, aber so ein perfekter Text braucht richtig viel Zeit.

Phil: Weil ein perfekter Text sehr viel Zeit und Energie braucht, die du nicht zu haben vorgibst, schreibst du erst keinen?

Perry: Was heißt hier „vorgibst“?

Phil: Stimmt es oder stimmt es nicht?

Perry: Warum musst du schon wieder an mir rumnörgeln?

Phil: Halten wir das fest: Du schaffst deine Arbeit nicht.

Perry: Das ist aber arg verkürzt.

Phil: Du stimmst aber im Prinzip zu.

Perry: Du machst ja eh was du willst.

Was ist ein perfekter Text?

Phil: Dann sage mir: Was ist denn ein perfekter Text?

Perry: Na, das Gegenteil von einem imperfekten Text?

Phil: Was ist ein imperfekter Text?

Perry: Ein imperfekter Text, das ist, wenn er so mal eben schnell hingerotzt wurde.

Phil: Okay, wie sieht das konkret aus?

Perry: Wenn ich keine Zeit hatte und es fertig werden musste. Naja, da sind Komma- und Rächtschreibfeler drin und er ist nicht schlüssig.

Phil: War da gerade ein Fehler?

Perry: Ich mache keine Fehler.

Phil: Doch, da war ein Fehler.

Perry: Dann muss das die Auto-Korrektur gewesen sein oder da ist ein Bug im Programm.

Phil: Verstehe. Hast du selbst schon imperfekte Texte geschrieben?

Perry: Früher, ganz früher, weil die immer mit ihrem Redaktionsschluss nervten.

Phil: Veröffentlich also auch?

Perry: Ich war jung und brauchte das Geld. Heute mache ich so etwas nicht mehr.

Phil: Was ist daraufhin passiert?

Perry: Damals? Nichts.

Fehler machen angreifbar?

Phil: Warum müssen dann deine Texte perfekt sein?

Perry: Weil ich mich mit meinen Texten nicht angreifbar machen will. Da sind ja so viele dumme Hater da draußen. Dann kann ich wenigstens sagen: „Es steht im Text, du nihilistische Ausgeburt eines Neoliberalisten.“

Phil: Ah, hier kommen wir an einen wichtigen Punkt. Auch das halten wir fest. Du machst dich angreifbar und schaffst deine Arbeit nicht.

Perry: Das habe ich so nicht gesagt. Die sind nur zu dumm, mich zu verstehen.

Phil: Nein, das hast du nicht so gesagt, aber das ist die Konsequenz.

Perry: Es ist nun mal schwierig, sich auf das Niveau dieser Leute herabzulassen und dafür greifen sie mich an.

Phil: Nur mal angenommen, du würdest einen Fehler machen. Wie würde denn so ein Fehler aussehen, mit dem du dich „angreifbar“ machst?

Perry: Sie würden dumme Fragen stellen, weil sie die Argumentation nicht verstehen. Damit ich mögliche dumme Fragen sofort im Keim ersticke und meine Argumentation stichhaltig ist, muss ich perfekt arbeiten.

Phil: Nehmen wir an, das gelingt mal nicht? Und jemand kritisiert deine Argumentation, weil vielleicht ein Vergleich nicht ganz glücklich gewählt ist?

Perry: Das wäre furchtbar! Wie stünde ich denn dann da?

Phil: Ah, das ist interessant.

Perry: Was denn?

Phil: Nehmen wir das stichhaltige Argument.

Perry: Was ist damit? Willst du es angreifen? Ich warne dich. Leg dich nicht mit einem Philosophen an. Ich argumentiere dich so weit in Grund und Boden, dass du den Überresten der Hypatia von Alexandria „Hallo“ sagen kannst.

Phil: Kleiner hast du es wohl nicht? Und ich bin selbst Philosoph.

Perry: Heute darf sich wohl jeder so nennen?

Phil: Perry, bleib bei der Sache. Nehmen wir an, dass das stichhaltige Argument plötzlich doch Lücken aufweist, ist dann das Argument fehlerhaft oder du?

Perry: Ich verstehe die Frage nicht. Da ist kein Unterschied. Das Argument ist doch von mir und wenn es fehlerhaft ist, ist es angreifbar und damit bin ich angreifbar. Und das geht nicht. Das darf einfach nicht sein.

Phil: Der Stoiker Epiktet sagt im Handbüchlein der Moral in Aphorismus Nummer 44 folgendes über Fehlschlüsse: „Folgende Schlüsse sind falsch: ‚Ich bin reicher als du – also bin ich dir überlegen.‘ – ‚Ich kann besser reden als du – also bin ich dir überlegen.‘ Folgerichtiger sind die Sätze: ‚Ich bin reicher als du – also ist mein Besitz deinem überlegen.‘ – ‚Ich kann besser reden als du – also ist meine Redekunst deiner überlegen.‘ Du selbst bist aber weder dein Besitz noch deine Redekunst.“

Perfektionismus & Gewissenhaftigkeit

Perry: Ach, was weiß dieser Römer schon.

Phil: Grieche, er war Grieche.

Perry: Sag ich doch.

Phil: Und er sagt, dass du deine Texte von dir losgelöst betrachten musst.

Perry: Das kann ich nicht. Sie sind meine Babys.

Phil: Weißt du eigentlich was der Unterschied zwischen Perfektionismus und Gewissenhaftigkeit ist?

Perry: Das ist doch dasselbe.

Phil: Raphael Bonelli sagt, dass man in der Psychologie die Gewissenhaftigkeit aus den folgenden sechs Untereigenschaften zusammensetzt: Kompetenz, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben, Selbstdisziplin und Besonnenheit.

Perry: Und? Das bin ich auch alles. Und da wir schon einmal dabei sind: Da fehlt eine Quellenangabe. Wir wollen uns doch diesem Bonelli gegenüber nicht angreifbar machen.

Phil: Dann setze ich hier eine Fußnote[1]. Zufrieden?

Perry: Perryfekt.

Phil: Machen wir ein kleines Gedankenexperiment und stellen wir uns einen gewissenhaften Beamten vor.

Perry: Ich hasse Bürokratie. Das ist so eine unkreative und stupide Arbeit.

Phil: Bleib bei mir.

Perry: Jaha!

Phil: Also, unser gewissenhafter Beamter ist pflichtbewusst, strebt nach Leistung und verfügt über Selbstdisziplin.

Perry: Wegen mir.

Phil: Wir können also davon ausgehen, dass er immer pünktlich ist, motiviert an seine Arbeit geht, weil er ja etwas schaffen will und dass er sich nicht von Sozialen Medien, Büroklatsch oder Raucherpausen ablenken lässt.

Perry: Das klingt nach voll dem Spießer.

Phil: Er ist kompetent, liebt Ordnung und handeln besonnen. Das heißt, er weiß, was er da tut und kann verlässliche Auskünfte geben. Sein Arbeitsplatz ist aufgeräumt und er lässt sich gegenüber seinen Kolleginnen und Kollegen sowie den Menschen, deren Angelegenheiten er verwaltet, nicht von seinen Emotionen leiten. Er klärt Probleme sachlich.

Perry: Was willst du mir damit sagen? Bin ich etwa unsachlich?

Phil: Lenk nicht ab. Wir bleiben bei unserem gewissenhaften Beamten. Was glaubst du, schafft der seine Arbeit?

Perry: So ein spießiger Streber schafft immer seine Arbeit.

Phil: Wenn dieser Beamte einen Fehler macht und jemand spricht ihn darauf an. Was glaubst du, wie er reagiert?

Perry (verächtlich): Wahrscheinlich bedankt sich Mister Besonnenheit noch dafür.

„Dann mögen mich die Leute nicht mehr“

Phil: Wenn unser Beamter also seine Arbeit schafft und mit Dankbarkeit auf den Hinweis eines Fehlers reagiert, du aber deine Arbeit nicht schaffst und Fehler persönlich nimmst, denkst du, dass du wirklich gewissenhaft bist?

Perry: Uff. Aber der hat einen Fehler gemacht, nicht ich.

Phil: Nein, wir nahmen nur an, dass er einen Fehler macht.

Perry: Ach, jetzt ist er wohl perfekt und macht keine Fehler.

Phil: Doch, sicher macht er Fehler. Was eigentlich so schlimm daran, Fehler zu machen?

Perry: Dann mögen mich die Leute nicht mehr.

Phil: Was wäre so schlimm, dass dich jemand wegen eines Fehlers nicht mag? Stünde da nicht die Beziehung ohnehin auf einem fragwürden Fundament?

Perry: Hmpf.

Phil: Erinnerst du dich an Inna?

Perry: Wie könnte ich sie vergessen.

Phil: Sagtest du nicht mal zu ihr, sie habe eine Macke?

Perry: Ja.

Phil: Und meintest du damit etwa nicht, dass eine bestimmte Eigenschaft an ihr fehlerhaft sei?

Perry: Ja, sie war nicht wie die anderen Frauen. Sie hüpfte ständig rum, lachte laut, dass man ihre Zahnspange sah und sie erzählte mit ihrem russischen Akzent die verrücktesten Sachen.

Phil: Was hatte sie dir darauf geantwortet, dass sie eine „Macke“ habe?

Perry: Sie streckte mir ihren Zeigefinger entgegen und sagte: „Eine Macke? Nein Mirco, ich habe hunderte davon.“

Phil: Und, mochtest du sie danach noch?

Perry: Hmm, ich mochte sie umso mehr.

Phil: Das heißt, du mochtest sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Fehlerhaftigkeit?

Perry: Nein, ich war verrückt nach ihr.

Phil: Heißt das, dass auch du wegen deiner Fehlerhaftigkeit liebenswert bist?

Perry: Ich würde jetzt nicht so weit gehen, zu sagen, dass ich fehlerhaft sei und alle lieben mich.

Doch noch ein „perfekter“ Text?

Phil: Dann möchte ich dich daran erinnern, dass du wegen deines Perfektionismus keine Texte fertig schreibst und Kritik persönlich nimmst.

Perry: Moment, du meinst, dass Perfektionismus Fehlerhaftigkeit ist, die Betroffene nicht sehen wollen?

Phil: Sehr schön erkannt.

Perry: Und ein offener Umgang mit Fehlern zeigt die Fehlerhaftigkeit?

Phil: Ja, es ist die Akzeptanz der eigenen Fehlerhaftigkeit.

Perry: Das heißt, ich kann machen, was ich will, aber werde nie perfekt sein?

Phil: Jetzt hat er es.

Perry: Aber als Perfektionist kann ich mir wenigstens die Illusion aufrechterhalten. Ich bin der perfekte Perry Perfekt und nur von Stümpern umgeben.

Phil: Aber du bringst nichts zu Ende!

Perry: Was ist mit diesem Text hier? Der ist doch perfekt und wir sind am Ende.

Phil: Und wenn jemand Kritik daran übt?

Perry: Hmm. Werde ich dann wenigstens berühmt damit?

Phil: Nein, eher nicht.

Perry: Dann ist es dein Text.

[1] Bonelli, Raphael M. Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird. Droemer, 2014. 62-8.

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