Stoa#6 – Halbzeit

08.04.20

15 Tage insgesamt,
11 Tage Gelassenheit insgesamt
7 Tage Gelassenheit in Folge

Insgesamt fühle ich mich gelassener, aber das ist im Rückblick nicht wirklich objektivierbar. Deshalb habe ich in den vergangenen Tagen nach einer geeigneten App als Stimmungstagebuch gesucht und eine gefunden. Etwas vergleichbares führe ich Ende März in einem Online-Tool, vergesse aber regelmäßig, meine Stimmungen einzutragen. Die App fragt mich dreimal täglich nach dem Befinden.

Trotz des positiven Grundeindrucks fielen mir ein zwei Dinge im Umgang mit anderen auf. Der Impuls des Ärgers wird mir schneller bewusst und ich denke darüber nach. Was genau löste diesen Impuls aus? Und wie gehe ich jetzt damit um?

Die Besserwisserei des Perfektionisten

In Anlehnung an die Erkenntnis aus dem letzten Eintrag ist mir noch etwas anderes bewusst geworden. Als Perfektionist neige ich dazu, das Soll zum Muss zu erheben und zwar jetzt im Ist. Das Soll sind meine Ideale, meine Werte, die ich nicht als Leitbild, sondern als Muss verstehe. Wenn ich andere Menschen in ihren Handlungen sehe und diese Handlungen nicht mit meinem Soll-Muss übereinstimmen, rege ich mich darüber auf. Raphael Bonelli spricht in solch einem Fall von Besserwisserei. So habe ich es noch gar nicht betrachtet, obwohl mir eine Bemerkung eines früheren Therapeuten dazu einfällt. Ich sah es selbst immer so, dass ich ja Philosoph bin und es deshalb besser wissen müsse. Das ist ein klassischer Zug eines Perfektionisten, da weder die Fehlerhaftigkeit des anderen, noch die eigene eingeräumt wird.

Was würde Sokrates tun?

Sokrates sagte: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Damit wollte er nicht zeigen, dass er vielleicht dumm sei, nein, er ging mit der eigenen Fehlerhaftigkeit in die Gespräche mit seinen Mitmenschen. Zudem signalisierte Offenheit, seinen Standpunkt als falsch anzukennen, genauso wie er den Standpunkt seines Gegenübers prüfte. Mir fiel auf, dass ich selbst in die Besserwisserei verfalle, wenn ich merke, dass mein Gegenüber gegen meine Ideale, mein Muss, verstößt oder daran rüttelt. Platon, einer von Sokrates‘ Schülern, würde mich wohl als Sophisten bezeichnen – zurecht. Vielleicht hilft es mir, mich zu fragen: „Was würde Sokrates tun?“

Was hast du heute Schönes erlebt?

Mir fiel auch auf, dass Gespräche mit Freund*innen, Familie und Bekannten in der Regel so ablaufen, dass wir die Aufreger der vergangenen Tage austauschen. Natürlich muss sich das negativ auf die Gelassenheit ausüben. Vielleicht sollte ich mir die Frage angewöhnen: „Was hast du heute Schönes erlebt?“

Zufriedenheit und Motivation

Die Frage an mich selbst gerichtet, kann ich folgenden antworten: Ich denke, die Gelassenheit und die Steigerung der Stimmung hängen damit zusammen, dass ich meinen Tag besser strukturiere. So schaffe ich es, konzentriert zu arbeiten, Sport zu treiben und zu entspannen. Das wiederum steigert meine Zufriedenheit und die Motivation. Ich weiß, dass hier die Perfektionisten-Logik lauert: „Wer was leistet, ist was wert. Und wer nichts leistet, ist nichts wert.“ Durch Bonelli ist mir das bewusst, aber ich denke, dass ich inzwischen die Balance zwischen Arbeit, Selbstfürsorge und Freizeit gut hinbekomme.

Entwicklungspotential gibt es noch bei der Textproduktionen, aber eins nach dem anderen. Die Out-Lines zu möglichen Texten vermehren sich. An Themen mangelt es also nicht. Ich fürchte, ich schreibe diese Texte nicht, weil ich Angst habe, dass sie nicht perfekt sind, dass ich mich damit angreifbar mache. Jaja Dr. Bonelli, ich fühle mich ertappt und mein Perfektionismus auch.

Bild: Screenshot des Online-Tools iFightDepression der Deutschen Depressionshilfe

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