Stoa#5 – „Das hat dir der Teufel gesagt! Das hat dir der Teufel gesagt!“

Stoa#5 – „Das hat dir der Teufel gesagt! Das hat dir der Teufel gesagt!“

03.04.20

12 Tage insgesamt,
6 Tage ohne Ärger insgesamt,
2 ohne Ärger in Folge.

Einfach ist es trotz Kontaktsperre nicht, denn irgendwie schaffen es diese Menschen, bei mir den Impuls des Ärgers ständig auszulösen. Immerhin merke ich dies inzwischen sofort, aber der Umgang damit braucht noch ein bisschen Übung. Die Frage, die mir dabei ins Bewusstsein springt, ist aber eine andere: Warum lösen die Handlungen anderer Menschen überhaupt so häufig Ärger bei mir aus? Die Antwort tut ziemlich weh.

Dass ich ein Perfektionist bin, ist mir seit Jahren klar und in verschiedenen Therapien kam das Thema bereits zur Sprache. Dennoch holt mich die Realität immer wieder ein. Perfektionismus gilt bei uns als hochangesehene Schwäche, denn schließlich gelten Perfektionisten als genau in einer Welt, in der es auf Genauigkeit ankommt.

Das SOLL-IST-MUSS-Schema

Der Wiener Psychologe Raphael Bonelli erklärt die Funktion des Perfektionismus anhand des SOLL-IST-MUSS-Schemas und arbeitet drei Typen von Menschen heraus. Das gleicht der aristotelischen Tugendlehre, bei der es ein Zuviel, ein Zuwenig und ein richtiges Maß gibt. Das Zuviel ist dabei der Perfektionist, das Zuwenig nennt Bonelli den „finalen Spießer“ und das richtige Maß einfach „psychisch gesund“ (34-9).

Der finale Spießer ist ein Mensch, der faul ist, sich pragmatisch gibt und ohne Ideale ist (36-7). Er zieht das SOLL runter auf sein IST und könnte Sätze sagen wie: „Das muss so sein.“ Oder: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Psychisch gesundes Handeln

Das psychisch gesunde Handeln und Denken erklärt Bonelli anhand der Allegorie des Polarsterns. Seefahrer nutzten früher den Polarstern zur Orientierung, ohne je dort gewesen zu sein (35). Ein psychisch gesundes Vorgehen ist demnach das IST an einem ideellen SOLL als Leitbild auszurichten und darauf hin zu arbeiten, ohne es je zu erreichen oder erreichen zu wollen. „Ein psychisch gesunder Mensch erträgt die SOLL-IST-Diskrepanz als eine natürliche, befruchtende und lebendige Spannung“ (36).

Gesellschaftlich gesehen, erfüllt das Ideal, das SOLL, die wichtige Funktion, den IST-Zustand zu verbessern, wie Bonelli bemerkt. „Je höher das SOLL, desto mehr kann das IST daran wachsen. Normen, die sich eine Gesellschaft selber gibt, gehen von einem unerreichbaren Ideal aus, haben aber den Sinn, den Menschen in eine bessere Richtung zu lenken“ (36). Momentane Normen sind beispielsweise „flatten(ing) the curve“, Hust- und Nies-Etikette sowie Händewaschen. Das Ziel dieser Normen ist die Entlastung des Gesundheitssystems, weil daran die Sterberate geknüpft ist.

Der Perfektionist will zum Polarstern

„Der Perfektionist wiederum hält die an sich sehr fruchtbare SOLL-IST-Spannung absolut nicht aus. Unter keinen Umständen!“ (37). Das heißt, dass das IST auf die Stufe des SOLL gehoben wird, dass der Perfektionist nicht in die Richtung des Polsterns steuert, sondert direkt da hinwill. Das zeigt sich derzeit auf verschiedene Weise, denn: „Der Perfektionist missversteht die Unerreichbarkeit eines hohen Ideals als ständigen Vorwurf, noch nicht ideal zu sein“ (37).

Meine Mutter berichtet neulich beispielsweise von einer Frau, die mit Maske und Gummihandschuhen eine ansonsten leere Postfiliale betritt. Sofort probt sie den Aufstand, weil der Mitarbeiter, der Einkaufskörbe desinfiziert, die man zum Abstandhalten vor sich herschieben soll, nicht an seinem Platz steht. Sie schiebt mit den Handschuhen und der Maske ihr SOLL über das der empfohlenen Maßnahmen. Gleichzeitig erhebt sie das SOLL zum MUSS, was zur „Besserwisserei, Beratungsresistenz und Halsstarrigkeit“ führt (38).

Eine andere Variante ist die Reduzierung des MUSS auf das eigene subjektive IST. „Eine allergische Reaktion auf die allgemeine Normengebung … ist die Folge, weil damit die Selbstgerechtigkeit des Perfektionisten in Frage gestellt wird“ (38). Oder auf die aktuelle Situation angewendet, empfindet der Perfektionist die Maßnahmen als Unterdrückung oder Einschränkung seiner persönlichen Freiheit.

„Das hat dir der Teufel gesagt! Das hat dir der Teufel gesagt!“

Um ehrlich zu sein, finde ich mich hier wieder. Nicht in diesen beiden Beispielen, aber in diesem Muster. Denn schließlich weiß ich als Philosoph, wie man zu handeln hat und ich erwarte von allen anderen, dass sie ethisch richtig handeln. Das SOLL wird zum MUSS. Ja, das klingt krass. Aber das ist das perfektionistische Muster, das in meinem Kopf abläuft. Wenn jemand offensichtlich ethisch nicht richtig handelt, löst das in mir den Ärger aus.

Wie gehen wir damit um? Durch die Stoiker und Therapie gelingt es mir inzwischen, den Fokus vom Handeln der anderen auf mich selbst zu lenken sowie meine eigene Reaktion wahrzunehmen und zu hinterfragen. „Sooft du unter dem Fehler eines anderen zu leiden hast, frage dich, ob du nicht auch in ähnlicher Weise gefehlt … hast“, rät Marcus Aurelius (X.30). Bonelli nennt es Imperfektionstoleranz. „Der Patient muss lernen, die eigene Unvollkommenheit auszuhalten“ (299). Das klingt vielleicht einfacher als es ist, „denn Perfektionisten versuchen in der Regel am Anfang der Therapie, einen perfekten Klienten abzugeben. Sie haben dabei unrealistische Ziele, die den Erholungsprozess mehr blockieren als unterstützen“ (295-6). Dabei fühlt sich mein inneres Rumpelstilzchen ertappt und ruft: „Das hat dir der Teufel gesagt! Das hat dir der Teufel gesagt!“

 

Bonelli, Raphael M. Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird. Droemer, 2014.

Marcus Aurelius. Selbstbetrachtungen. Magnus, 2004.

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