Stoa#2 im Selbstversuch – Nach drei Tagen Gelassenheit

„Im Sich-ärgern sind Sie sehr gut“, bemerkte vor ein paar Monaten eine Psychologin mir gegenüber. Eines der Ziele der Stoa ist Gelassenheit, was häufig als Emotionslosigkeit missverstanden wird. Es geht vielmehr darum, einen Weg zu finden, mit negativen Gefühlen wie Angst, Trauer und eben Ärger umzugehen. Auf diese Weise soll Eudaimonia – Glückseligkeit oder Freude – erreicht werden. Ich lebe mit einer Depression und negative Gefühle wie Ärger, Trauer und Angst bestimmen mein Leben sehr stark. Wenn diese negativen Gefühle über einen gewissen Punkt hinaus mein Bewusstsein bestimmen, rutsche ich in ein Tief. Deshalb versuche ich mich für 30 Tage in Gelassenheit.

Nichts als Ärger

Bis ich den ersten zählbaren Tag erreichte, ohne mich 24 Stunden lang über irgendetwas zu wie ein Rohrspatz zu schimpfen, über das ich ohnehin keine Kontrolle habe, verging eine Weile. So sah ich mir am Sonntag, den 22. März 2020, Anne Will an und regte mich tierisch über den Fokus ihrer Interviews auf. Mitten in der Corona-Krise ist ihr nichts wichtiger als unterschiedliche Meinungen innerhalb der Union zum weiteren Vorgehen. Sollte es nicht eher um die Frage gehen: How do we get shit done? Aber warum regte ich mich über Anne Wills Verhalten auf? Es ist nichts, dass ich beeinflussen kann. Klar, ich könnte mich in einem Kommentar in den Sozialen Medien auskotzen, aber was bringt das? Was ich hingegen kontrollieren kann, ist meine Reaktion dazu. Ich kann zum einen mir die Sendung nicht mehr ansehen und meine Reaktion verändern.

Der Entschluss

Nach der Sendung beschloss ich den Stoikern und mir mit einem Gelassenheits-Experiment eine Chance zu geben. Montag und Dienstag fiel mir durch die Übung erst einmal auf, wie oft ich mich über Dinge ärgere, die ich gar nicht kontrolliere. Zudem ärgerte ich mich jetzt auch noch darüber, dass ich mich ärgere. Ich regte mich über Nachrichten aus Politik und Wirtschaft auf, über Menschen in meinem Umfeld und sogar über Menschen, deren gute Absichten ich zunächst missverstand, weil ich voll auf Krawall gebürstet war.

Am Mittwoch ging ich viel achtsamer durch den Tag und ärgerte mich nur ein einziges Mal über Menschen, die den Abstand nicht wahren. Erneut ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich mich ärgerte. Dennoch begann ich meinen Blick zu ändern, denn ich hatte mich in 24 Stunden nur ein einziges Mal geärgert. Das ist ein riesiger Fortschritt und wenn ich es so weit schaffe, dann schaffe ich auch 24 Stunden ohne Ärger.

Der erste Tag ohne Ärger – in kompletter Gelassenheit

Tatsächlich war Donnerstag, der 26. März 2020, der erste Tag, an dem ich mich nicht ärgerte. Dabei ist die Kontaktsperre hilfreich, denn ich rege mich normalerweise über das Verhalten anderer Menschen vor allem im Straßenverkehr auf. Julius Fischer oder André Herrmann, denke ich, nannten das mal Straßenverkehrs-Tourette oder so. Nun helfen mir die Stoiker, bei mir selbst zu bleiben. Wie kann ich meine eigene Reaktion beeinflussen? Und wie kann ich damit besser handeln?

Die Dreiteilung der Kontrolle

Der amerikanische Universitäts-Philosoph William Irvine eröffnet eine Dreiteilung der Kontrolle über etwas. 1) Dinge, die wir kontrollieren, 2) Dinge, die wir teilweise kontrollieren und 3) Dinge, die wir gar nicht kontrollieren. Impulse wie Ärger gehören in die zweite Kategorie. Ich kann zwar den Impuls des aufkommenden Ärgers als Reaktion auf etwas nicht kontrollieren, aber ich kann entscheiden, wie ich damit umgehe. Genau das passiert bei mir mittlerweile.

Am Freitag sah ich eine junge Frau mit dem Handy in der Hand, die ihr Kind genervt anpöbelte, weil das Kind etwas auf den Boden fallen ließ. Das löste den Impuls des Ärgers in mir aus, weil ich es furchtbar finde, wenn Eltern so mit ihren Kindern umgehen. Was mache ich jetzt aber mit diesem Impuls? Gehe ich zu ihr und weise sie vor ihrem Kind zurecht? Nein. Stattdessen sah ich sie an, sie bemerkte meinen Blick, packte das Handy ein und wendete sich liebevoll ihrem Kind zu.

Eudaimonia als Nebenwirkung

Ebenfalls am Freitag telefonierte ich mit der Psychologin, von der die Bemerkung stammt, dass ich sehr gut darin sei, mich zu ärgern. Während des Telefonats sagte sie, dass ich von meiner Stimmung her einen viel besseren Eindruck auf sie mache. Aufgrund dieser Beobachtung fällt mir auf, dass öfter gut gelaunt bin, zu Musik durch die Wohnung tanze und beim Kochen wieder viel kreativer bin. Das kann an der Gelassenheit liegen, muss es aber nicht. Ich denke eher, dass es ein Baustein verschiedener Umstände ist, die jetzt zusammenspielen. Die Frühlingssonne, die Blüten in der Natur und das Grün stabilisieren die Psyche jedes Jahr nach dem kalten Dunkel und Grau des Winters. Zudem aktiviert die Krise sämtliche in der Therapie gelernten Gegenmaßnahmen. Das alles greift jetzt in einander. Die Abwesenheit von Ärger schafft Platz für positive Gefühle und die Nebenwirkung ist Eudaimonia nach nur drei Tagen. Schaffe ich eine ganze Woche?

Das sind soweit meine Beobachtungen zu diesem Experiment. Solltet es auch versuchen, fühlt euch frei, eure Erfahrungen zu teilen. Zudem kommen verschiedene Fragen auf, die ich den kommenden Wochen mit besprechen möchte. Da ist zum Beispiel die Frage: Wenn ich über bestimmte gesellschaftliche Auswirkungen keine Kontrolle besitze, ist es dann aus stoischer Sicht sinnvoll, sich zum Beispiel ehrenamtlich zu engagieren? Die kurze Antwort ist ja, ehrenamtliche Arbeit ist unter bestimmten Bedingungen natürlich sinnvoll; die ausführliche Antwort reiche ich nach.

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