Stoa#1 Wie hilft stoisches Denken in Zeiten von Corona?

Wenn wir uns darüber beschweren, dass wir zuhause bleiben sollen oder dass es bestimmte Waren nicht zu kaufen gibt, dann hilft es, darüber nachzudenken, ob sich die Aufregung lohnt. Epiktet (50 – 135 n.Chr.) sagt: „Über das eine gebieten wir, über das andere nicht“ (Handbuch 1). Sich über etwas aufzuregen, worauf wir keinen Einfluss haben, ist verschwendete Energie und es stört unsere eigene Zufriedenheit, meinen die Stoiker. Aber woher wissen wir, worauf wir Einfluss haben oder worauf nicht?

Die Dichotomie der Kontrolle

Epiktet eröffnet eine Zweiteilung der Dinge, die wir beeinflussen können: „Wir gebieten über unser Begreifen, unsern Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden … nicht gebieten wir über unsern Körper, unsern Besitz, unser Ansehen, unsere Machtstellung“ (Handbuch 1). Er unterscheidet zwischen unserer Einstellung und unserem Handeln auf der einen Seite und Äußerlichem auf der anderen Seite.

Was wir nach Epiktet kontrollieren

Einerseits besitzen wir nach Epiktet die Kontrolle über die Wahl der Qualität und den Umfang der Informationsquellen, die uns auf dem Laufenden halten und unserer Reaktion darauf. Wir besitzen die Kontrolle über die Wahl unserer Einstellung und unseres Handelns gegenüber den Verhaltensregeln, die weltweit von den Regierungen an ihre Bevölkerungen herausgegeben worden sind. Wir besitzen die Kontrolle über unser Kaufverhalten und die Einhaltung der Hygieneregeln.

Was wir nach Epiktet nicht kontrollieren

Andererseits entzieht sich uns die Kontrolle über die Reaktion unseres Körpers im Falle einer Ansteckung. In diesem Fall besitzen wir auch keine Kontrolle darüber, wen wir mit unseren Viren anstecken. Deshalb sind die Abstands- und Hygieneregeln so wichtig, denn unter Umständen wissen wir nicht, ob wir das Virus tragen.

Gelassenheit für eine Gesellschaft der Aufregung

Wir sind eine Aufreger-Gesellschaft und lassen uns von einem „Skandal“ zum nächsten jagen. Wir verhalten uns dabei häufig wie Zuschauer*innen eines Fußballspiels und jede*r weiß wann was getan werden muss. Wann muss wer ein- oder ausgewechselt werden. Wann muss welche*r Spieler*in einen Pass spielen oder aufs Tor schießen. Dieses Verhalten lässt sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen beobachten wie bei der Migration, der Lebensweise oder jetzt in der Corona-Krise. Epiktet rät, wenn es etwas ist, worauf wir keinen Einfluss haben, „dann habe die Antwort zur Hand: >>Es geht mich nichts an<<“ (Handbuch 1).

Die Trichotomie der Kontrolle

Der amerikanische Universitätsprofessor in Philosophie, William B. Irvine, schlüsselt Epiktets Zweiteilung in eine Dreiteilung auf. Damit widerlegt er den Griechen nicht, sondern präzisiert das stoische Denken. Irvine, selbst bekennender Stoiker, unterscheidet zwischen 1) Dinge, die wir komplett kontrollieren, 2) Dinge, die wir gar nicht kontrollieren und 3) Dinge, die wir teilweise, aber nicht völlig kontrollieren (89).

Was wir nach Irvine kontrollieren

Irvine sieht sich Epiktets Beispiele für das, worüber wir komplett kontrollieren, etwas genauer an und führt sie an: „opinions, impulses, desires, and aversions“ (90). Er räumt zwar ein, dass die Begriffe und deren genaue Bedeutung in der Übersetzung verloren gegangen sein können, aber Irvines Punkt ist ein anderer. Er stimmt Epiktet bei den „opinions“ (Meinungen) insofern zu, dass er Meinungen als das Setzen eigener Ziele oder das Bestimmen des Wertes von Dingen versteht. Ferner verbindet er mit der Fähigkeit, eigene Ziele und Werte zu bestimmen, die Fähigkeit, den eigenen Charakter zu formen (92-3). Der Römische Kaiser und letzter großer stoische Philosoph, Marcus Aurelius (121-180), schreibt dazu in seinen Selbstbetrachtungen: „Denn wer will dich hindern, rechtschaffen und lauter zu sein? Fasse nur den Entschluß, nicht länger zu leben, ohne ein solcher Mann zu werden. Auch die Vernunft billigt es keineswegs, wenn du es nicht bist“ (X.32). Das heißt, wir müssen uns nur dazu entschließen, tugendhafte Menschen zu werden und zum Beispiel nur so viel zu kaufen, wie wir für die kommende Woche benötigen.

Was wir nach Irvine teilweise kontrollieren

Die Impulse (impulses), Begierden (desires) und Abneigungen (aversions) ordnet er seiner neuen Kategorie zu: Dinge, die wir teilweise, aber nicht völlig kontrollieren. Um Irvines Beispiele in unsere Situation zu übersetzen, stellen wir uns in Bezug auf den Impuls vor, dass ich in den vergangenen Tagen immer wieder im Supermarkt um die Ecke war und es kein Toilettenpapier zu kaufen gab. Plötzlich bekomme ich die Eingebung, dass es heute, genau jetzt, wieder Toilettenpapier gibt. Das heißt, dass ich zwar keinen Einfluss auf die Eingebung habe oder, ob es tatsächlich wieder Toilettenpapier gibt. Aber ich entscheide, ob ich zum Markt gehe oder nicht. Gleiches gelte für die Begierden und Abneigungen (90-1).

Fassen wir zusammen: Wir besitzen Kontrolle über die Bestimmung unserer Ziele und Werte. Wir besitzen teilweise Kontrolle über unsere Impulse, Begierden und Abneigungen. Und wir besitzen keinerlei Kontrolle über alles, was von außerhalb all dessen liegt. Wie wäre es also mit einer Challenge? Regt euch 30 Tage lang nicht über Dinge auf, die nicht eurer Kontrolle unterliegen und teilt eure Erfahrungen mit dem Hashtag #stoischegelassenheit.

Quellen:

Epiktet. Handbüchlein der Moral. Reclam, 1992.

Irvine, William B. A Guide to the Good Life: The Ancient Art of Stoic Joy. Oxford, 2009.

Marcus Aurelius. Selbstbetrachtungen. Magnus, 2004.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s